Vielleicht ist es Dir schon aufgefallen: Das Motiv der Lotosblüte ziert viele indische und südostasiatische Stoffe, Teppiche und Wandbehänge. Wie fast alle textile Muster und Designs hat auch der Lotos eine besondere Bedeutung. Die Lotosblüte steht für Reinheit, Weisheit, Erkenntnis, Mitgefühl, Klarheit, spirituelle Erleuchtung und Wiedergeburt.

Von der Dunkelheit ins Licht

Nelumbo Nucifera, das asiatische Lotosgewächs, hat im Hinduismus sowie auch im Buddhismus eine hohe Symbolkraft. Der Lotos wächst in ruhenden Gewässern, in Seen, Teichen und trüben, schlammigen Tümpeln, dennoch ist die Schönheit und die „Reinheit“ der Lotosblüte einzigartig. Von ihren dicken Blättern perlen das Wasser und der Schmutz ab, die Blüte ragt erhaben aus dem mit Malariamücken verseuchten Sumpf und führt die Insekten in Versuchung. Um den Lotos in all seiner Pracht zu erleben, muss man früh aufstehen und im goldenen Morgenlicht das Wunder der Entfaltung der zart lilafarbigen Knospen genießen.

 

Käfer als Blütenbestäuber

Das Lotosdesign wird von geschickten Händen in kostbare Saristoffe, Sarongs und andere Kleidungsstücke gewebt, damit das Tuch die Träger mit der segensreichen Kraft der Muster unterstützt. Indische Frauen malen Lotosblüten auf die Wände ihrer Häuser und auf den Boden vor dem Hauseingang, weil der Lotos als rein, heilig und glückbringend verstanden wird. Auch nach der Lehre des Feng Shui werden Bilder von Lotosblüten an bestimmten Hauswänden aufgehängt oder kleine Hofteiche mit selbigen angelegt. Die Lotosblüte hat eine starke Verbindung zur spirituellen Welt. Lotos kann in weiß, rosa, lila und rot blühen.

Im alten Ägypten symbolisiert sie die tägliche Wiedergeburt der Sonne, weil sie mit dem Erwachen des Tages aufblüht und sich nachts wieder verschließt. In den gewickelten Lagen der Mumie von Ramses II fanden die Archäologen Lotosblüten, deren Verwendung wohl auf eine erhoffte Wiedergeburt hin zielte. Das Lotosmotiv wurde ferner auf Krügen im Grabmal von Tutanchamun entdeckt, die ein mit Lotos aromatisiertes Öl enthielten. In Darstellungen hinduistischer Gottheiten sieht man sie auf Lotos-Thronen sitzend oder Lotosblüten in den Händen haltend. Als Opfergabe verschönen die Blüten die Idole und Altäre.

Meditation und Erkenntnis

„Om Mani Padme Hum“ bedeutet „Oh du Juwel in der Lotosblüte“ und ist das älteste Mantra/Gebet der Liebe und des Mitgefühls. Es wird dem buddhistischen Bodhisattva des Mitgefühls Avalokiteshvara zugeordnet. Es steht für die Zusammenfassung der 84.000 Lehrreden des Buddhas. Im Buddhismus steht der Lotos für Selbsterkenntnis. Die aufblühende Lotosblume symbolisiert das Erwachen  unseres Geistes. In der Meditation sollte das menschliche Herz so rein werden, wie der Lotos und das göttliche und vereinigende Element in sich hervorbringen. Anders gesagt ist der Akt der Meditation eine Art Hommage an den göttlichen Kern im Menschen und verwandelt diesen dadurch selbst in eine spirituelle Entität. Genauso wie die Blume, die im schlammigen Grund wurzelt, sich durch das trübe Wasser an die Oberfläche kämpfen muss, muss der erwachende menschliche Geist viele schwierige Etappen des Lebens durchlaufen, bis er seinen Weg auf eine höheren Bewusstseinsebene findet.

Bei der Betrachtung geschnitzter oder behauener Götterstatuen des hinduistischen Pantheons ist augenfällig, dass viele auf einem in Lotosblütenform gestalteten Podest stehen. Der Lotos wird als die Stütze des Universums gesehen. Laut mythologischer Überlieferung gebärt im hinduistischen Pantheon Gott Vishnu (der Erhalter) den weiteren Hauptgott Brahma (der Schöpfer) durch eine Lotosblüte in seinem Nabel. Die Lotosblüte ist auch eine der Insignien Vishnus und steht zusätzlich für Weisheit.

Einer alten buddhistischen Legende zufolge wurde auch Buddha auf einer Lotosblume geboren. Unzählige Abbildungen zeigen Buddha bei der Meditation im Lotossitz auf einem Lotosblatt sitzend. Die Blütenblätter des Lotos sind in Schichten angeordnet, die beim Erblühen aufgehen und das Innere freigeben. Dementsprechend sollten wir unseren Geist bilden, damit er aufblühen kann und uns zur Erkenntnis führt.

“The soul unfolds itself like a lotus of countless petals,” schrieb einst der Poet Kahlil Gibran. Speziell der weiße Lotos steht für Klarheit und Spiritualität.

Im Yoga praktiziert man den Lotossitz um sich mit seinem Wurzelchakra zu verbinden. Dieses steht im Zusammenhang mit unser Kreativität, unseren Gefühlen und der Intimität.

 Durch eine Lautähnlichkeit assoziiert man in China den Lotos mit Liebe und ehelicher Verbundenheit. Die Lotosblüte versinnbildlicht eine gute, harmonische Ehe, eine rote Lotosblüte gilt auch als Symbol für die Vulva. In ihr manifesteren sich Kraft und Schöpfung.

Das Sanskrit-Wort für Lotos lautet Kamala. Kamala ist sowohl ein weiblicher als auch ein männlicher Vorname. Lakshmi, die indische Glücksgöttin hat den Beinamen Kamala. In jüngster Zeit wurde der Name durch die neu ernannte Vizepräsidentin der USA, Kamala Harris, bekannt und beliebt.

Die Heilkraft liegt in der Wurzel

Lotos ist nicht nur schön anzusehen, sondern schmeckt auch gut. Getrockneten Lotoswurzeln werden  gemahlen und mit Kichererbsenmehl und Gewürzen zu Kofta (Bällchen) geformt, die man in heißem Öl frittiert. Die frische Wurzel kann gewürfelt als Gemüse zubereitet werden. Besonders delikat zu knabbern sind in einer Pfanne wie Popcorn zubereitete Lotossamen. Lotos spielt auch als Heilmittel eine wichtige Rolle in der ayurvedischen Ernährungslehre. Besonders Kinder bekommen bei einer Krankheit Lotos zu essen, der sie stärkt und die Abwehrkräfte mobilisiert. In der japanischen Küche sind sauer eingelegte Lotosscheiben mit Ingwer beliebt.

 

Der Duft der Verführung

Auch die Parfumeure lieben es, mit dem Duft der Lotosblüte zu spielen, ihn mit anderen Blütenauszügen zu mischen, um das Aroma für die Nasen dieser Welt noch geheimnisvoller, noch exotischer zu machen. Dabei erhöht die subtil herbeigeführte Synthese aus Reinheit und Verführung den olfaktorischen Reiz. Lotos ist ein Duft, der uns zur Ruhe kommen lässt und gleichzeitig unsere Kreativität und Schöpferkraft anregt.

Selbstreinigend und praktisch unverwüstlich

Lotos gilt als Pflanze der Reinheit und der Integrität. Außerdem sind Lotossamen fast unbegrenzt haltbar. Am Grund eines ausgetrockneten Sees in Nordost-China wurden Lotossamen gefunden, die, nach der Radiokarbonmethode gemessen, rund 1288 Jahre alt sind (Shen-Miller, 1995). Wissenschaftlern gelang es, sie zum Austreiben zu bringen. Der Lotos träumt also seinen eigenen kosmischen Traum bis zu dem Zeitpunkt, wo Brahma (die erschaffende göttliche Macht in der hinduistischen Lehre) ihn wieder zum Leben erweckt.

Botaniker haben ferner herausgefunden, dass den Lotosblüten ein Thermoregulator innewohnt. Sie behalten eine Kerntemperatur von tropischen 30 bis 36 Grad Celsius trotz tages-und jahreszeitlich bedingter Temperaturschwankungen von 10-45°C (Seymour & Schultze-Motel, 1998).

Die Lotosblume gilt als Inbegriff einer mythischen Pflanze. Nach altindischer Kosmologie ist der Lotosstängel die aus den Urwassern aufsteigende Weltachse, auf der die Erde ruht. Die Blume gilt in vielen Teilen Asiens sogar als Symbol des Absoluten, der Wiedergeburt und Vollkommenheit. Ihre Fähigkeit zur Selbstreinigung resultiert aus einer komplexen Oberflächenstruktur, die Adhäsionskräften entgegenwirkt und Partikel abgleiten lässt. Dieser in der Botanik bekannte „Lotos-Effekt“  bildet die Vorlage für Oberflächenforschung an Industriematerialien.

Die Fasern der Pflanze können auch versponnen werden. Kunsthandwerkerinnen der ethnischen Gruppe der Intha, die am burmesischen Inle-See leben, ernten die bis zu 3 Meter langen Lotos-Stängel kurz nach der Regenzeit. Die Weberinnen ziehen die feinen Fasern durch Quetschen oder Anritzen vorsichtig aus dem Stängel und verdrillen mehrere Faserstränge. Um ein Austrocknen und Brechen zu vermeiden, müssen die Fasern beim anschließenden Spinnvorgang immer wieder nass gemacht werden. Zum Weben werden traditionelle Handwebstühle verwendet. Die verzwirnten Fasern werden vor dem Weben mit Reisstärke gestärkt und in feuchtem Zustand möglichst rasch verarbeitet. Die kostbare Lotosseide ist sehr leicht, atmungsaktiv, wärmeausgleichend und wasserabweisend. Die Farbe und Textur der rein veganen Lotosseidenstoffe erinnert an Leinen. Ursprünglich war  Lotosseide so besonders und kostbar, dass sie nur Mönche tragen durften. In jüngerer Zeit reißen sich internationale Modeunternehmen um das einzigartige Gewebe und verwandeln es in hochpreisige Foulards und Maßanzüge.

Spiritualität und Architektur

Im südlichen Teil der indischen Hauptstadt  Neu Delhi steht ein weithin sichtbarer, weißstrahlender Tempel der Bahai in der Form einer gigantischen Lotosblüte. Der mit der Planung beauftragte Architekt Fariborz Sahba, selbst ein Angehöriger der Bahai-Religion, reiste zur Inspiration durch den ganzen Subkontinent und fand heraus, dass der Lotos von allen religiösen Gruppen zur Anbetung und Opferung ihrer Gottheiten benutzt wird. Da die Tempel der Bahai auch für alle Andersgläubigen geöffnet sind, wurde die perfekte Form der Lotosblüte in der Architektur umgesetzt. Das prächtige neun-seitige Bauwerk wird von ebenfalls neun Gewässern umspielt, sodass es aus der Luft betrachtet wie eine riesige Lotosblüte in einem Teich aussieht. Das kühlende Wasser findet mithilfe des Windes seinen Weg durch die zwei äußeren Schichten der marmorverkleideten Blütenblätter ins Innere des Tempels, wo die feuchte Luft wie in einem Kamin durch die hoch in den Himmel ragenden inneren  Blütenblätter nach oben gezogen wird und zu einer natürlichen Klimatisierung beiträgt. Täglich finden im Lotustempel Lesungen aus den heiligen Texten aller Weltreligionen statt, die im Jahr zwischen 3 und 4 Millionen Gläubige und Besucher anziehen.

Tattoos und Mandalas

Im Westen hat das Symbol der Lotosblüte durch die Beliebtheit der Mandala-Malerei, durch das zunehmende Interesse an Yoga und nicht zuletzt durch den jüngsten Mainstream-Trend des Tätowierens verstärkt Einzug genommen. Plattformen wie Instagram und Pinterest sind voll mit Variationen des alten Reinheitssymbols. Malanleitungen, Einfärbungen und andere kreative Ideen rund um das Blütenmotiv werden vielfach geteilt und “geliked”.

So erfährt ein uraltes Motiv ein Revival, das auf die kulturelle Bedeutsamkeit, die Schönheit und auf die ewige symbolische Kraft des Lotos schließen lässt.

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