Dhokra Metallkunst

Metallkunst aus Westbengalen und Chattisgarh
Im tribalen Gürtel Westindiens, der Gebiete von Jharkhand, Orissa, Chattisgarh und Andhra Pradesh umfasst, leben die Dhokra. Unter diesem Namen sind verschiedene Gruppen von Schmieden zusammengefasst, die das Metallgussverfahren in verlorener Form anwenden.

Dhokra – erstklassige Kusthandwerker aus der Kaste der Schmiede
Die Schmiedekasten haben allgemein einen sehr niederen sozialen Stellenwert, obwohl sie einen bedeutenden Beitrag für die dörfliche Wirtschaft leisten. Schließlich sind die Schmiede für die Herstellung und Reparatur der landwirtschaftlichen Geräte unabkömmlich. Unter den Dhokras finden sich auch viele erstklassige Kunsthandwerker. Sie stellen Götterfiguren, Tierfiguren, Glocken und verschiedenste Dekorgegenstände her. Die Kunsthandwerkstücke werden nach ihren Erzeugern ebenfalls Dhokra genannt.

Einzigartig: Guss in verlorener Form
Für das Metallgussverfahren in verlorener Form muss für jedes Objekt eine eigene Form ausgearbeitet werden, die nach dem Brennen zerschlagen wird. Daher ist jede Figur ein Einzelstück.

Die Figur wird aus Wachs und Ton gestaltet…
Der Metallkünstler beginnt mit der Feuerung eines Gussofens und der Zubereitung einer Masse aus Wachs, Harz und Öl, aus der das zu gestaltende Objekt geformt wird. In meditativer Ruhe visualisiert der Künstler das fertige Objekt, bevor er dem Wachsklumpen seine endgültige Gestalt gibt. Das fertige Wachsmodel wird mit pancha-varna (den fünf Farben) purifiziert.
Bevor das Wachsmodel mit einer Lehmschicht umhüllt wird, müssen heikle Stellen, wie die Übergänge vom Rumpf einer Figur zu den Gliedmaßen noch mit Kupferdraht oder Nägeln verstärkt werden. Die Verstärkungen beugen einem Brechen dünner Teile vor und können nach dem Schmelzen des Wachses problemlos entfernt werden. Bei größeren Stücken oder wo es die Form erfordert (wie etwa bei Gefäßen, Glocken etc.), modelliert der Künstler das Wachs um einen festen Kern aus Ton. Dieses Wachsmodell wird anschließend mit einem Mantel aus Ton umgeben.

Dann gebrannt… und die Gussform zerbrochen…
Neben der groben Modellierung kommen auch verschiedene Ausschneide- und Applizierungstechniken zum Einsatz. So werden z.B. Muster in das Wachs geschnitten oder hauchdünne Wachsfäden streifen- kurven- oder spiralförmig appliziert. Nach dem Aushärten und dem Trocknen der Gussform wird sie gebrannt, wobei das Wachs im Innern schmilzt.
Das flüssige Wachs wird nun durch eine kleine Öffnung ausgegossen, in die anschließend das geschmolzene Metall eingefüllt wird.

Schließlich kommt das Kunstwerk zum Vorschein
Sobald das Metall abgekühlt und hart geworden ist, kann die Gussform zerbrochen werden. Das Kunstwerk kommt zum Vorschein und erhält jetzt noch den letzten Schliff durch das Abfeilen rauer Stellen und eine anschließende Politur. Größere Gefäße werden meist in mehreren Teilen gegossen und erst dann zusammengesetzt.

Ein uraltes Metallverarbeitungsverfahren
Schon seit vorgeschichtlicher Zeit kennt man den Guss in Formen, die aus zwei oder mehreren Teilen bestehen. Zum Gießen von Hohlkörpern wird auch hier wieder ein Kern aus Ton verwendet. Charakteristisch für den Formguss sind Gussnähte, die allerdings nachträglich retuschiert werden. Auch andere tribale Gruppen wie die Kondh, die Garhwa, Madia und Santhal, welche in Teilen von Orissa, Madhya Pradesh und Chattisgarh leben, beherrschen diese Kunstform.

Lebensgroße Figuren
Der Metallguss in verlorener Form ist ein uraltes Verfahren, das bereits zur Zeit der Industalkultur bekannt war. Zur Zeit der mittelalterlichen Chopla-Dynastie in Südindien
erreichte das Metallgussverfahren mit der Schöpfung lebensgroßer figuraler Bronzen seinen künstlerischen Höhepunkt. Heute wird die Dhokra-Kunst in erster Linie mit Bastar – dem tribalen Herzland Chattisgarhs – in Verbindung gebracht.

Regionale Besonderheit
Charakteristisch für die Kunsthandwerker aus Bastar sind die kreuzweise übereinander gelegten Wachsfäden auf dem Lehmmodel, um der zu gießenden Figur ein netzartiges
Aussehen zu verleihen. Die Gussbilder verkörpern tribale und hinduistische Gottheiten, Reiter zu Pferde oder auf Elefanten, figurale Darstellungen von Tieren und Menschen bei der Ausübung verschiedener Tätigkeiten.

Literaturhinweise: 1. Barnard, Nicholas. (1993). Arts and Crafts of India. London: Conran Octopus. 2. Bolon, Carol Radcliffe, and Amita Vohra Sarin. (1992). Bastar Brasses. Asian Art V (3, Summer): 35-51. 3. Cooper, Ilay, and John Gillow. (1996). Arts and Crafts of India. London: Thames and Hudson. 4. Sen, Prabhas. (1994). Crafts of West Bengal. Ahmedabad: Mapin Publishing Pvt. Ltd. and Middletown, NJ: Grantha Corporation. 5. Shah, Shampa. (Ed.). (1996). Tribal Arts and Crafts of Madhya Pradesh. Ahmedabad: Mapin Publishing Pvt. Ltd.